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Di, 20.08.2019Himmlischer Klang, sicher geerdet

Die Glockensachverständige Gabriele Dittrich prüft mit einer verstellbaren Stimmgabel die Töne der „Kirchenmusikerglocke“. Der Grundton an der breiten Stelle ist am lautesten.

Die zwei großen Bronzeglocken der Auferstehungskirche, in einem Glockenstuhl aus Stahl. Die Klöppel betragen etwa 17 Prozent des Gewichts der Glocken.

Die Sachverständige vor der Turmuhr der Auferstehungskirche in Oldenburg.

Das Räderwerk der Kirchenturmuhr – ein ständiges Klacken.

Die Daten aus dem Glockenatlas holt sich Gabriele Dittrich übers Handy. Ein Koffer mit Stimmgabeln und Messinstrumenten liegt bereit. Fotos: ELKiO/ Laelia Kaderas

Kirchenglocken – für die einen ein geweihter Klang, für andere ein Wegweiser oder ein Alarmsignal. Für viele ein heimeliges Gefühl, für manche mahnende Erinnerung. Für Gabriele Dittrich sind Kirchenglocken eine Wissenschaft. Sie ist Glockensachverständige der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg und steht den Kirchengemeinden im Gebiet des Alten Oldenburger Landes mit ihrem Sachverstand zur Seite. Sie berät, prüft Wert, Klang und Sicherheit von Glocken, dient mit fundiertem Wissen aus Physik, Mechanik, Materialkunde und Musik, gibt Empfehlungen und vermittelt. Sieht sie „Gefahr im Verzug“, legt sie das Geläut still. Das darf sie, das muss sie. 2005 wurde sie in dieses Amt berufen und ist vom Oberkirchenrat autorisiert.

  

Rund 200 Geläute mit 490 Kirchenglocken begutachtet Gabriele Dittrich auf diese Weise, verstreut über ein Gebiet von Wangerooge bis Damme, von Idafehn bis Dedesdorf und Delmenhorst. Für eine Ehrenamtliche eine höchst anspruchsvolle Aufgabe mit weitreichender Verantwortung.

  

Wissen und Gespür
Es geht um viel: Mit ihrem geübten Auge, ihrem Instrumentarium und dem feinen Ohr einer  ausgebildeten Kirchenmusikerin verhindert die heute 68-Jährige einerseits Unfälle, andererseits nimmt sie Einfluss auf die Qualität neuer Glocken – und damit auf die Ausgaben der Kirchengemeinden.

  

Grundlage für Entscheidungen
Die können beträchtlich sein: Allein der Guss einer zwei Tonnen schweren Bronzeglocke kann schon mal 20.000 Euro kosten. Und wer wenn nicht die Glockensachverständige bündelt den Sachverstand, auf dem die Entscheidungen für einen solchen Auftrag beruhen? Wer wenn nicht die Glockensachverständige hat Know-how und Fähigkeiten, um die Vorgaben für die Gießerei zu formulieren? Die tonale Stimmung der Glocke zum Beispiel.

  

Vielfalt an Tönen
Immerhin setzt sich der Klang einer Kirchenglocke aus mehr als 20 Tönen zusammen. So kommt es, dass es „den Ton, den wir hören, gar nicht gibt“, sagt Gabriele Dittrich. Er verändert sich, während wir uns nähern. Einen solchen „Dopplereffekt“ kennen wir beispielsweise vom Martinshorn. Mit dem Gehör wahrzunehmen ist nur der Hauptton der Glocke; gleichzeitig aber schwingen unzählige Nebentöne mit. Die kann die Expertin mit ihren Stimmgabeln allesamt aus der Glocke herauskitzeln. Die Tonanalyse ist wichtig, weil der Klang nicht nur in sich stimmig sein muss; er sollte auch mit den unterschiedlichen Glockenklängen benachbarter Kirchen harmonieren.

  

Glockenatlas für die ganze Region
Wie sich die jeweilige Stimmung zusammensetzt; ob die Glocke aus Bronze oder eher minderwertigen Metallen besteht; ob die „Form aus Lehm gebrannt“ ist oder aus Eisenhartguss hergestellt; welche Worte die Glocke schmücken; was sie ziert; wie Klöppel, Glockenstuhl und Joche beschaffen und gelagert sind; wie die Turmuhr tickt und der Antrieb funktioniert – all das und mehr hat die Fachfrau in einem „Glockenatlas“ zusammengetragen. Auch das: ehrenamtlich. Aus dem handgeschriebenen Vermächtnis eines Oldenburger Glockenkundigen und eigenen Ergänzungen ist so eine Quelle geballten Wissens entstanden. Ein Katalog für sämtliche evangelisch-lutherische Kirchenglocken im Gebiet des alten Herzogtums.

  

Nachfolge schon heute im Blick
Woher das große Engagement? Warum tut Gabriele Dittrich das? Mit ihrem Vorgänger, dem Organisten Ricklef Orth, entdeckte sie die Welt der Glocken und war fasziniert. Sie begleitete den Glockensachverständigen, vertrat ihn, bildete sich weiter und brachte neben der Musikalität auch ihr handwerkliches Wissen als Physiklaborantin ein. „Metall, Physik, Musik – alles passte zusammen“, sagt Gabriele Dittrich. Mehr als 14 Jahre lang ist sie nun begeistert dabei, aber: „Mit 80 will ich die steilen Stufen in die Türme nicht mehr hochsteigen“. Gern würde sie heute schon beginnen, einen Nachfolger, eine Nachfolgerin in die Geheimnisse des Metiers einzuführen.

  

Mängel bewerten
Zu den Aufgaben zählt, die Qualität einer Glocke einzuschätzen, wenn ein Teil zerbricht oder sich löst, wenn die Wartungsfirma einen Mangel bemerkt oder wenn eine Kirche entwidmet wird. Kann die Glocke repariert werden? Ist sie es wert?

  

Folgen des Zweiten Weltkriegs
Darüber hinaus berät die Glockensachverständige die Kirchengemeinde, wenn fehlende Glocken ergänzt werden sollen. Viele waren für Kriegszwecke eingeschmolzen worden, und immer noch gibt es unvollständige Geläute.

  

Abnahme
Wird dann eine neue Glocke in Auftrag geben, ist es die Glockensachverständige, die das fertige Produkt in der Gießerei abnimmt. Eher kommt es nicht in die Kirche.

  

Kooperation mit Forschung und Wissenschaft
In wissenschaftlichen Fragen, die neu überdacht werden müssen, arbeitet die Glockensachverständige mit Forschungsstellen wie dem Fraunhofer-Institut oder dem Europäischen Kompetenzzentrum ProBell zusammen. Sie steht mit vielen Kontakt, und sie vermittelt.

  

So fand sich beispielsweise eine Antwort darauf, warum es an Glocken heute zu Rissen, Sprüngen und Schäden kommt. Oder in welchem Grad eine Glocke zu drehen ist, wenn der Aufprall des Klöppels die Innenseiten verformt.

  

Da sein, bevor es zu Unfällen kommt
Alles Unsachgemäße kann schließlich zu Unfällen führen. Gabriele Dittrich erinnert sich an einen Fall: Einem jungen Mann war ein merkwürdiger Ton beim Läuten aufgefallen; und die Glockensachverständige kam, um nachzusehen. Es hatte sich eine Schraube in der Aufhängung gelöst. Die Glocke ließ sich sogar per Hand drehen, sodass sie beim Pendeln nach rechts und links „eierte“. Im Holzstuhl – der stabilisierenden Umgebung – hatten sich dadurch schon Schleif-Rillen gebildet. Genau dieses Schleifen war zu hören gewesen.

  

Tatsächlich ist es schon vorgekommen, dass eine fallende Glocke oder Teile davon den Boden durchbrochen haben. Aber das passiert sehr selten. Schließlich gibt es Wartungsfirmen, die vertragsmäßig jedes Jahr die Sicherheit prüfen. Und es gibt die Glockensachverständige.  

  

Ein Beitrag von Laelia Kaderas.


Hinweis zur inhaltlichen Verantwortung

Inhaltlich verantwortlich für die hier angezeigten Meldungen ist die Pressestelle der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Bei Hinweisen und Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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